GranFondo Mont Ventoux / Beaumes-de-Venise

Die „Grand Trophée Cycling Classics France“ ist eine Jedermann-Rennserie in Frankreich, in diesem Jahr bestehend aus zehn Veranstaltungen. Sie finden in der Regel in besonders reizvollen Gegenden und Örtlichkeiten statt. So gibt es ein Rennen in den Vogesen („Les 3 Ballons“), in den Alpen („La Morzine Haut Chablais“ und „Supergranfondo Galibier Izoard“), in der Picardie („La Picarde Baie de Somme“) und, wer mal in einer wirklich anderen Landschaft fahren möchte, kann das bei der “La Ronde Tahitienne” auf Tahiti machen. Und dann gibt es das Rennen „La Probikeshop GF Mont Ventoux Beaumes-de-Venise“. Der Name verrät es schon, im Mittelpunkt dieser Veranstaltung steht der „Géant de Provence“, der 1919m hohe Mont Ventoux. Wie bei den anderen Rennen auch werden unterschiedliche Distanzen angeboten. Am Ventoux sind es eine 98km und eine 168km-Strecke. Startort ist nicht einer der bekannten Ausgangsorte der drei Routen zum Gipfel, sondern die kleine Stadt Beaumes-de-Venise am Fuße der Felsenkette der Dentelles de Montmirail. Aber auch dieser Ort, wie die gesamte Provence, wird beherrscht vom Mont Ventoux, der selbst vom Ortszentrum gut zu sehen ist. Die 168km-Strecke umrundet zunächst über ca. 100km das Bergmassiv des Ventoux und führt durch die Ortschaften Carromb, Bédoin, Flassan, Sault, Aurel bis zum Col de Veaux. Anschließend geht es nach Malaucène, wo der Anstieg zum Gipfel beginnt: 22 km Anstieg mit im Schnitt 7,2% und Passagen bis zu 14%. Danach wird die über 20 km lange Abfahrt nach Bédoin genommen, von wo es noch einmal nach Malaucène und zurück nach Beaumes-de-Venise geht. Insgesamt sind ca. 3600 Höhenmeter zu überwinden.  

Die 98km-Strecke ist eine abgekürzte Variante der langen Strecke und führt nach dem Start über Bédoin nach Malaucène, wo bereits nach ca. 30km der Aufstieg beginnt. Vom Gipfel geht es runter nach Bédoin und über Malaucène zurück nach Beaumes-de-Venise. Bei der kürzeren Strecke sind ca. 2600 Höhenmeter zu überwinden.

In diesem Jahr fand die Veranstaltung am Samstag, den 1. Juni statt. Bereits am Freitag ist der kleine Ort vollkommen in der Hand der Radfahrer, die sich die Startunterlagen abholen. Außerdem findet eine kleine Verkaufsausstellung statt und man kann sich mit diversen Radsportutensilien eindecken. Die Anmeldung erfolgt natürlich vorher übers Internet, ist aber auch direkt vor Ort noch möglich. Der Preis für beide Distanzen ist der gleiche und beträgt etwa 70 Euro. Im Preis inbegriffen ist bereits das offizielle Trikot zur Veranstaltung. Ein Wechsel von einer Distanz zur anderen ist bis zur Abholung der Startunterlagen noch möglich. Entscheidet man sich während der Fahrt um, kommt man nicht in die Wertung. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen im Ort und nachdem man die Formalitäten erledigt hat, genießt man auf der Terrasse eines Cafés die Sonne.

Anmeldung und Abholung der Startunterlagen

Das Wetter spielte zum Glück mit und im Gegensatz zu den Tagen davor schwächte der sehr böige Mistral zum Wochenende hin ab. Auch die Temperatur war eher angenehm, am Morgen waren es um die 15 Grad, nachmittags etwas über 30. Damit waren zumindest die beiden wichtigsten Wetterfaktoren, die den Anstieg sehr schwierig bis unmöglich machen können, im grünen Bereich. Das Schwierige am Ventoux ist nicht allein die lange Steigung, sondern eben auch der Wind und die Hitze. Der Wind kommt in dieser Gegend meistens aus nördlicher Richtung. Auf der auf der Südflanke gelegenen Bédoin-Strecke ist man teilweise, besonders im unteren Bereich, während des Anstiegs noch geschützt. Weiter oben, ca. 6km vor dem Gipfel, nachdem man das Chalet Reynard passiert hat, kommt man in die berüchtigte weiße Steinwüste ohne Schutz vor Wind und Sonne. Die von Malaucène ausgehende Strecke gestaltet sich etwas anders. Sie führt, vor allem mit mittleren Bereich, relativ gerade an der Nordflanke entlang bis zur Skistation Mont Serain. Weht der Mistral, dann ist man hier noch weniger geschützt als auf der Südseite. Hier ist man jedoch nicht ganz so der Sonne ausgesetzt.

Beaumes-de-Venise

Startzeit war, verglichen mit anderen Rennen, sehr moderat um 8:30 Uhr. Der einzige große Parkplatz des Ortes ist für die Veranstaltung größtenteils abgesperrt und wird für die Startaufstellung des Feldes und später für die Zieleinfahrt genutzt. Dementsprechend herrscht vor dem Start ein beeindruckendes Parkchaos, da natürlich jeder möglichst nahe am Start sein Auto abstellen möchte. Es ist daher ratsam, gleich mit dem Rad zum Start zu fahren, um sich diesen Stress zu ersparen oder das Auto am Ortsrand abzustellen. Die ganz große Masse ist es nicht, aber es versammelte sich doch ein ansehnliches Feld von fast 1000 Startern in der üblichen Blockaufstellung. Das Schöne an der Startaufstellung in Beaumes-de-Venise ist, dass man das Highlight des Tages schön vor Augen hat. Denn die Blickrichtung ist genau auf den beeindruckenden Ventoux ausgerichtet und man kann es sich noch einmal überlegen, ob man das wirklich machen möchte. Die Antwort ist natürlich klar und nach dem üblichen Prozedere ging es pünktlich los, erst die 168er, kurz darauf die 98er.

Schon sehr kurz nach dem Start trennen sich die Wege der Teilnehmer, die sich eine gute Zeit als Ziel gesetzt haben und gegen die Uhr fahren und die der Teilnehmer, deren Ziel die Strecke ist. Ich habe mir wie immer vorgenommen, die Sache nicht allzu hektisch anzugehen und befand mich so auch in guter Gesellschaft, da offensichtlich viele Teilnehmer der kürzeren Strecke ebenso dachten. Es ging also in zügigem, aber nicht zu schnellem Tempo über die ersten Kilometer bis nach Bédoin. Die nächsten zehn Kilometer bis nach Malaucène sind dann perfekt, um warm zu werden. Es geht über den kleinen „Col de la Madeleine“ mit vielleicht gerade mal 200 Höhenmetern durch eine sehr schöne Landschaft zum Genießen. Dann geht es durch Malaucène hindurch, im Ortskern biegt man ab auf die Straße zum Ventoux. Von hier ab sind es 22 Kilometer mit ca. 1600 Höhenmetern bis zum Gipfel. Am Beginn der Steigung befand sich die erste Verpflegungsstelle, wo man noch einmal die Flaschen auffüllen konnte.

Verpflegungsstelle kurz hinter Malaucène

Frisch gewässert ging es dann richtig los. Die ersten beiden Kilometer weisen mit ~5% noch eine recht gemäßigte Steigung auf. Die folgenden drei Kilometer haben dann permanent mindestens 8%, gefolgt von einem Teilstück mit gerade mal 5 bis 6%. Wie in vielen französischen Radsportgebieten üblich stehen auch am Ventoux die “Bornes”, die Kilometersteine, am Straßenrand und man wird über jeden einzelnen Kilometer darüber informiert, wie weit es noch bis zum Gipfel ist, auf welcher Höhe man sich befindet und welche Steigung der nächste Kilometer hat.

Dieser flachere Abschnitt zwischen den Kilometern 6 bis 9 macht den Anstieg von Malaucène aus etwas leichter als den von Bédoin, der eine ähnliche Erholungsphase nicht bietet. Die folgenden Kilometer haben es dann aber in sich, im Schnitt haben die nächsten Kilometer 10 bis 12%, stellenweise können es aber auch an die 20% sein. Wenn man in diesem Bereich die Muße hat, sich ein wenig umzuschauen, dann hat man einen wunderbaren Blick Richtung Nordost bis in die Alpen und man kann die noch schneebedeckten Berge erkennen. Aber nicht nur der Blick in die Ferne ist grandios. Parallel zum Nordhang des Ventoux-Massivs verläuft das Tal der Toulourence und man hat eine wunderbaren Blick in dieses Tal und darüber hinaus. Hat man diesen Abschnitt geschafft, ist das Schlimmste an Steigung überstanden.

Ungefähr fünf Kilometer vor dem Gipfel befindet sich die Skistation Mont Serein. An dieser Stelle befand sich (leider) die einzige echte Verpflegungsstation der Tour. Da die Trinkflaschen bei der inzwischen deutlich angestiegenen Temperatur längst leer waren, war ein direktes Nachkippen und Auffüllen der Flaschen unbedingt notwendig. Auch feste Nahrung war sehr willkommen, wobei ich mich mit ein paar Trockenfrüchten begnügte. Das Wiederanfahren nach der Verpflegungsstation war alles andere als einfach, denn es ging gleich wieder in die Vollen: die 10%-Steigung war mit wasservollem Magen und den (gefühlt wackersteinähnlichen) Früchten eine echte Herausforderung. Aber auch die war zu meistern und jetzt ging es in den letzten Abschnitt, der von der Steigung her nicht mehr so anspruchsvoll war. Erst auf den letzten Kilometern gibt es die typischen Serpentinen und erst hier kann man einen Blick auf den Gipfel erheischen. Und der war schon beeindruckend. Nur wenn man den Kopf weit nach hinten in den Nacken streckt, kann man das markante Gipfelgebäude ganz weit oben sehen und die Straße, die sich vor dem Gipfel hin und her schlängelt. Gefühlt ist es so, als wenn man dreißig Meter vor dem Berliner Fernsehturm steht und weiß, dass man da rauf fahren muss. Aber es ging. Mit jeder Kurve wurde es gefühlt leichter. Im Schnitt ist der Anstieg kurz vor dem Gipfel auf der Malaucène-Strecke nicht mehr so gewaltig, auch wenn es noch einige kurze, steile Rampen gibt. Und dann hat man es geschafft. Oben angekommen hat man den herrlichen Blick auf der einen Seite in das Rhône-Tal bis hin zum Mittelmeer (wenn man Glück hat) und den Lubéron, auf der anderen Seite auf die Berge in den Alpen.

Auf dem Gipfel

Nachdem man diese Aussicht verdientermaßen genossen hat, geht es die sehr lange Abfahrt hinunter nach Bédoin. Über 20 Kilometer kann man schön rollen lassen. Von Bédoin geht es noch einmal über den Col de la Madelaine nach Malaucène und von da aus die letzten 25 Kilometer über den Col de la Chaine und den Col Suzette. Die Anstiege sind natürlich eher übersichtlich, ein paar Höhenmeter sind aber dennoch zu überwinden. Diese letzten Kilometer sind aber noch einmal so richtig schön zum “Seele-baumeln-lassen”, denn die sehr ruhige Straße führt durch eine wunderbare Gegend entlang an Weinbergen und Ölbäumen wie aus dem Provence-Bilderbuch. Die Ankunft in Beaumes-de-Venise und die „umjubelte“ Zieldurchfahrt sind der krönende Abschluss. Ich bin gerade mal zwei Stunden nach dem Ersten ins Ziel gekommen, aber auch zwei Stunden vor den Letzten. Mit meiner Zeit habe ich in meiner Altersklasse immerhin noch eine „Goldmedaille“ errungen. Zum Paket gehört neben dem Trikot und der Medaille auch noch eine Zielverpflegung. Außer Getränken und Obst gab es auch noch eine große Portion Spagetti Bolognese. Wer mochte, konnte dazu einen Rosé oder Roten aus dem lokalen Weinanbau um Beaumes genießen.

Verpflegung im Zielbereich

Alles in allem eine wunderbare Tour. Die Veranstaltung war sehr gut organisiert, im Vergleich zu Veranstaltungen in Deutschland nicht besonders teuer und vor allem: es hat einfach Spaß gemacht, diesen beindruckenden Berg in der wunderbaren Landschaft der Provence zu bezwingen.

Michael Rühlemann